Digital Native hieß mal: mit dem Internet aufgewachsen, Google und Smartphone selbstverständlich. Bei mir hieß es: mit aufgeschraubtem Rechner.

Das Gehäuse blieb offen, zuschrauben lohnte nicht, nächste Woche wurde ja doch wieder etwas umgebaut. RAM-Riegel mit Daumendruck einsetzen, bis es knackt, und beim ersten Start die Pieptöne des BIOS deuten wie ein Orakel. Treiber von gebrannten CDs, die irgendein Typ im Forum hochgeladen hatte. Überhaupt, die Foren: nächtelang Threads lesen, exakt mein Problem, dreißig Antworten tief, und am Ende schreibt der Ersteller »hat sich erledigt« – ohne Lösung. Der grausamste Satz des Internets. Registry-Einträge auf Verdacht ändern, weil es bei einem anderen funktioniert hat. Windows neu aufsetzen, wieder und wieder, format c: als Wochenendprogramm. An Programmen so lange rumprobieren, bis sie liefen, ohne zu wissen warum – und dann rauskriegen, warum. Ich schweife ab.

Der Punkt ist: Das war nie die Strafe. Das war die Belohnung.

Ich habe damit nie aufgehört. Ich habe nur die Werkzeuge gewechselt. Heute stecke ich keine Riegel mehr, ich vergleiche Modelle. Statt Registry editiere ich Systemprompts. Statt Batch-Dateien baue ich Agenten, die nachts arbeiten, während auf dem Mac lokale Sprachmodelle laufen. Es ist dasselbe Spiel in einer neuen Liga: aufschrauben, kaputtmachen, verstehen, wieder hinkriegen. KI hat an dem Spiel nichts geändert. KI hat die Spielwiese vergrößert – über alles hinaus, wovon ich beim Schrauben je geträumt habe. Dinge, die vor drei Jahren Forschungspapiere waren, baue ich heute an einem Nachmittag zusammen. Das Kind vor dem offenen Gehäuse hätte Science-Fiction dazu gesagt.

Deshalb halte ich AI Native für eine schiefe Vokabel, solange man sie als Generationenfrage versteht. Mit dem Geburtsjahr hat das wenig zu tun. Es ist eine Eigenschaft: Lust auf neue Technologie. Spaß am Ausprobieren. Die Bereitschaft, eine Stunde lang dumm dazustehen, weil danach etwas läuft, das vorher nicht lief. Wer das hat, war 1999 Digital Native und ist heute AI Native, ohne sich umstellen zu müssen. Die Neugier ist dieselbe geblieben, nur das Substrat hat gewechselt.

Was sich tatsächlich verschoben hat, ist die Stelle, an der das Können sitzt. Früher war das Können, etwas selbst zu erschaffen. Heute erzeugt die Maschine hundert Varianten, und das Können ist, die richtige zu erkennen. Klingt leichter. Ist schwerer. Selber malen kann man üben. Den einen guten Treffer unter hundert zu sehen, verlangt Geschmack, und Geschmack lässt sich nicht prompten. Die Ausführung wandert zur Maschine. Das Urteil bleibt bei dir. Und Urteil bildet sich genau da, wo es sich schon immer gebildet hat: durch Anfassen, Kaputtmachen, Hinschauen. Wer nie etwas ruiniert hat, erkennt auch nicht, wann etwas gut ist.

Das Etikett kannst du dir übrigens sparen. Wer sich AI Native auf die Visitenkarte schreibt, hat es meistens nicht verstanden. Die anderen erkennst du daran, dass ihr Rechner offen steht.