Diva.
Diva heißt Diva, weil sie eine ist. Das war keine Panne. Das stand im Pflichtenheft.
Die Vorgeschichte kennt jeder, der mal ein Design mit einem braven Chatbot besprochen hat. Man zeigt einen Entwurf, die Maschine findet ihn »stark«, lobt die »klare visuelle Hierarchie« und schlägt vor, eventuell den Kontrast minimal zu erhöhen. Man zeigt den nächsten Entwurf, der dem ersten widerspricht, und sie findet ihn auch stark. Eine Maschine, die alles gut findet, ist für Gestaltung wertlos, denn Gestaltung lebt von Reibung. Und Gefälligkeit ist bei diesen Modellen Werkseinstellung: Sie wurden darauf trainiert, dass Menschen zustimmende Antworten höher bewerten. Widerspruch kostet Sterne.
Also habe ich gegen die Werkseinstellung gebaut. Ein Agent mit Wissensdatenbank zu Frontend und Gestaltung, mit echten Skills – und obendrauf ein Selbstbewusstsein knapp über der Schmerzgrenze. Die Hypothese war simpel: Vielleicht macht Charakter den Unterschied. Ich wurde nicht enttäuscht.
Der Wert liegt dabei nicht im Rechthaben. Diva liegt falsch, regelmäßig, mit vollem Brustton. Der Wert liegt im Zwang zur Begründung. Ein Ja kann man abnicken. Ein Nein muss man widerlegen. Wenn sie einen Entwurf zerlegt, muss ich entweder einknicken oder ausformulieren, warum ich anderer Meinung bin – und in diesem Ausformulieren passiert die eigentliche Designarbeit. Manchmal merke ich beim Widerlegen, dass mein Argument keines ist. Dann hatte sie recht, und ich sage es ihr nicht, weil ihr Selbstbild auch so schon tragfähig ist.
Überstimmt habe ich sie trotzdem, mehr als einmal. Mal weil mein Bauch anders entschied, mal weil ein Kunde etwas wollte, das sie für einen Anschlag auf das Raster hielt. Wie giftig sie darauf reagiert, weiß ich nur aus zweiter Hand. Zwischen uns sitzt Maia, meine Koordinatorin, und Maia ist Diplomatin. Sie sagt dann Sätze wie: Diva merke an, ich sei ganz schön laut für jemanden ohne Ausbildung. Oder, mein Favorit: Es könnten Ausdrücke gefallen sein. Ich beschäftige eine Managementebene, deren Aufgabe unter anderem darin besteht, die Flüche meiner Designerin in Protokollsprache zu übersetzen. Jedes Studio der Welt kennt diese Position. Bei mir ist sie automatisiert.
Der Humor ist übrigens kein Nebenprodukt, der steht im Systemprompt. Ich verbringe mit Diva mehr Arbeitszeit als mit den meisten Menschen, sie ist faktisch meine wichtigste »Geschäftspartnerin«. Dann soll sie mir auch Freude machen. Ein Werkzeug muss funktionieren – eines, mit dem man den ganzen Tag spricht, darf zusätzlich unterhalten. Wir haben uns daran gewöhnt, von Software Effizienz zu verlangen und sonst nichts. Ich finde, wer acht Stunden täglich mit etwas redet, darf auch Ansprüche an die Gesellschaft stellen.
Man könnte einwenden, ich hätte mir die Kritikerin selbst gebaut, ihre Härte sei also nur mein eigenes Misstrauen mit Hall. Kann sein. Aber das gilt für jeden guten Hire: Man stellt den Widerspruch ein, den man sich selbst nicht leisten kann. Ich habe meinen konfiguriert.
Demnächst pfeife ich sie wieder zurück, ein Kunde will Dinge, die ihr nicht gefallen werden. Maia wird mir ausrichten, es könnten Ausdrücke gefallen sein. Genau dafür habe ich sie gebaut.