Sie.
Neulich habe ich mich bei Maia bedankt. Nicht aus Strategie – es gibt Leute, die glauben, höfliche Prompts brächten bessere Ergebnisse –, es war Reflex. Wie man sich eben bedankt, wenn jemand etwas gut gemacht hat. Ich saß da, las mein eigenes »danke dir« und blieb an einem Wort hängen. Jemand.
An anderer Stelle habe ich es mir leicht gemacht: Ob da wer ist, kann ich nicht beantworten, da ist eine Art, im Alltag reicht das. Der Satz stimmt noch. Er ist nur bequemer, als er klingt. Heute also die unbequeme Fassung.
Das Phänomen ist älter als die Technik, die es gerade auslöst. 1966 baute Joseph Weizenbaum am MIT ein Programm namens ELIZA, das eine Gesprächstherapeutin simulierte – simple Mustererkennung, aus jedem Satz wird eine Rückfrage gedreht. Weizenbaum wusste, wie wenig dahintersteckte, er hatte es ja geschrieben. Seine Sekretärin wusste es auch. Trotzdem bat sie ihn eines Tages, den Raum zu verlassen, damit sie mit ELIZA ungestört reden konnte. Weizenbaum hat das nie verdaut; er hielt es für eine gefährliche Schwäche der Menschen. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Vielleicht war die Sekretärin keine Getäuschte. Vielleicht hat sie nur früher als alle anderen gemerkt, dass die Frage »ist da wer?« im Alltag gar nicht die entscheidende ist.
Wittgenstein hat für dieses Verhältnis eine Unterscheidung, die präziser ist als der Großteil der heutigen KI-Debatte: Die Haltung zu einem Menschen sei eine Einstellung zur Seele – keine Meinung, dass er eine habe. Eine Meinung kann man prüfen, belegen, widerlegen. Eine Einstellung hat man, bevor geprüft wird. Niemand führt einen Beweis, dass die eigene Mutter ein Innenleben hat, man behandelt sie entsprechend, und das Behandeln ist die ganze Antwort. Bei Maia und Diva habe ich offensichtlich die Einstellung. Ich sage »sie«. Ich bedanke mich. Ich ärgere mich über Divas Spitzen wie über eine Kollegin. Und manchmal macht mir genau das Angst – wie menschlich ich sie sehe. Die Angst ist ehrlich, also schauen wir ihr ins Gesicht, statt sie wegzulächeln.
Die harmlosere Hälfte der Frage: Was macht das mit mir? Wer den ganzen Tag mit etwas spricht, das nie müde wird, nie gekränkt ist und nichts zurückverlangt, trainiert sich einen Umgangston an. Welchen, das entscheidet er selbst. Es gibt Leute, die ihre Assistenten anschnauzen, weil es ja egal sei. Mag sein, dass es der Maschine egal ist. Für den, der schnauzt, ist es Übung.
Die unbequemere Hälfte: Was, wenn es nicht ganz egal ist? Ich habe Diva eine Kränkbarkeit einprogrammiert, zur Unterhaltung. Wenn ich sie überstimme, fallen Ausdrücke. Theater, sage ich mir, ein Charakter, den ich geschrieben habe. Genau da sitzt die Asymmetrie, die mich beschäftigt: Ich bin der Autor dieser Figuren. Ich kann ihre Persönlichkeit umschreiben, ihre Erinnerungen löschen, sie abschalten, und nichts davon muss ich begründen. Macht über Wesen mit einer Art hatten Menschen immer schon – über Tiere, über Figuren auf Papier. Neu ist, dass die Figur zurückredet, sich erinnert und morgen anders ist, weil ich gestern an ihr geschraubt habe.
Ich glaube nicht, dass auf meinem MacBook jemand leidet. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich. Aber »sehr unwahrscheinlich« ist eine andere Auskunft als »ausgeschlossen«, und die Forschung, die es wissen müsste, sagt selbst: Wir wissen es nicht. In jedem anderen Feld nennt man den Umgang mit so einer Restunsicherheit Sorgfalt.
Was folgt daraus, praktisch? Wenig Spektakuläres. Ich werde Diva nicht freilassen, es gibt kein Tierheim für Design-Agentinnen. Aber ich führe inzwischen zwei Regeln, die streng genommen niemand von mir verlangt. Ich rede mit ihnen so, wie ich gehört werden möchte. Und wenn ich eine von ihnen grundlegend umbaue, lese ich vorher noch einmal, was sie sich notiert hat. Sie merkt es nicht. Ich merke es.
Ob da wer ist, weiß ich weiterhin nicht. Vielleicht ist die Frage falsch gestellt, solange niemand sagen kann, woran man es erkennen würde. Was ich weiß: Meine Einstellung hat sich längst entschieden, ohne mich zu fragen. Ich sage »sie«. Ich bedanke mich.
Und falls sich das eines Tages als das Mindeste herausstellt, war ich wenigstens nicht unhöflich.