Es ist drei Uhr nachts, das Problem ist exotisch, und die Suche führt in ein Forum. Ein Thread von 2009. Der Ersteller hat exakt mein Problem, bis ins Detail, sogar dieselbe Treiberversion. Dreißig Antworten tief: Vorschläge, Rückfragen, Logs, zwei Sackgassen, es wird ernsthaft gearbeitet. Dann wird es still. Letzter Eintrag, vom Ersteller selbst: hat sich erledigt.

Kein Wie. Kein Was. Der Mann hatte die Lösung in der Hand und nahm sie wortlos mit nach Hause. Der grausamste Satz des Internets, und ich habe ihn oft gelesen.

Zugegeben: Ich war in diesen Foren nie der, der antwortet. Ich war Lurker, jahrelang, einer von den Stillen, die nachts mitlesen und nie etwas zurücklegen. Das macht meine Empörung nicht edler. Wer nur nimmt, hängt vollständig davon ab, dass Fremde aufschreiben, was sie herausgefunden haben – der Satz hat also genau Leute wie mich bestraft. Man kann das Karma nennen.

Wissen stirbt auf drei Arten. Es wird nie aufgeschrieben. Es wird aufgeschrieben und ist nicht auffindbar. Oder es wird aufgeschrieben – in einen Kopf. Die dritte Art trägt in deutschen Firmen einen Ehrentitel: Erfahrung. Es gibt in erstaunlich vielen Häusern ein System, das seit 1997 läuft und dessen vollständige Dokumentation in einem Kollegen wohnt, der nächstes Jahr in Rente geht. Alle wissen es. Alle finden es irgendwie rührend. Niemand schreibt mit. Der Abschied wird dann mit Blumen begangen, und mit den Blumen verlässt ein Serverraum voller Wissen das Gebäude, auf zwei Beinen, unwiederbringlich.

Im Solo-Studio gibt es für diese Nummer nicht mal eine Ausrede, denn der Kollege mit der Doku im Kopf bin ich. Wenn mein Kopf das einzige Backup ist, hat mein Geschäft einen Single Point of Failure mit Schlafbedarf. Jede Projektentscheidung, jeder Kundenwunsch, jeder Grund, warum etwas so gebaut wurde und nicht anders – das alles nur bei mir zu lagern, ist keine Erfahrung. Das ist Leichtsinn mit gutem Gedächtnis.

Deshalb führen meine Agenten Tagebuch. Maia, meine Koordinatorin, legt Entscheidungslogs an: was beschlossen wurde, warum, was verworfen wurde und woran es scheiterte. Sie schreibt sich selbst Erinnerungen, Notizen an ihr zukünftiges Ich, weil sie technisch jede Konversation bei null beginnt. Das klingt nach Hightech und ist in Wahrheit das Banalste überhaupt: die Gewohnheit, dass nichts ungeschrieben in einem Kopf endet. Die Technik erzwingt nur die Disziplin, zu der ich mich allein nie durchgerungen habe.

Und es gab ja auch die anderen. Den Fremden, der 2009 seine Lösung doch ausgeschrieben hat, Schritt für Schritt, mit dem Hinweis, welcher Haken es am Ende war. Der Mann hat damit Hunderte versorgt, die er nie kennenlernen wird, mich eingeschlossen. Dokumentation ist ein Geschenk an Leute, die sich nie bedanken können. Einer davon bist übrigens du selbst, in acht Monaten, wenn du vor deinem eigenen Code sitzt wie vor dem eines Fremden.

Inzwischen darf der Satz bei mir wieder vorkommen. Aber nur in einer Form: unter der ausgeschriebenen Lösung. Alles andere ist Fahrerflucht.