Ein Wort wie ein Stolperstein. Und genau deshalb vergisst man es nicht.

Geprägt hat es der Philosoph Odo Marquard, 1973, in einem Festvortrag – als selbstironische Diagnose seines eigenen Fachs. Die Philosophie, so Marquard, sei einmal für alles zuständig gewesen und habe ihre Zuständigkeiten Stück für Stück an die Wissenschaften verloren; geblieben sei ihr genau eine Kompetenz, nämlich die, mit der eigenen Inkompetenz souverän umzugehen. Bei Marquard war das eine Spitze gegen die eigene Zunft. Ich klaue mir das Wort und stelle es scharf, denn es beschreibt ziemlich genau, was Arbeiten mit KI im Kern ist.

Es fängt mit einer Inventur an, und die tut kurz weh: Ich kann nicht alles. Niemand kann alles. Ich kann ein paar Dinge richtig gut, und um die herum liegt ein Gelände aus Halbwissen, Ahnung und ehrlichen Lücken. Die meisten Menschen investieren erstaunliche Energie darin, dieses Gelände zu verstecken – vor Kunden, vor Kollegen, vor sich selbst. Dabei ist die Landkarte der eigenen Lücken das nützlichste Dokument, das man besitzen kann. Denn nur eine Lücke, die ich kenne, kann ich füllen lassen.

Der Dirigent spielt keine Geige. Er weiß sehr genau, dass er keine spielt, und genau deshalb sorgt er dafür, dass hundert Leute zusammen klingen.

Mit KI ist es dasselbe Prinzip, nur ohne Frack. Ich erkläre der Maschine eine Aufgabe wie einem Praktikanten am ersten Tag: klar, in Reihenfolge, mit Kontext, mit dem, was gut aussehen soll, und dem, was auf keinen Fall passieren darf. Sage ich es schlecht, kommt Mist zurück. Sage ich es gut, kommt etwas, das ich allein nicht hinbekommen hätte – Code, den ich nicht schreiben kann, eine Recherche, für die mir die Zeit fehlt, ein Entwurf in einer Disziplin, die schlicht nicht meine ist.

Und wenn das Ergebnis Mist ist? Dann schaue ich zuerst auf meine Anweisung. Die meisten beschuldigen das Modell. Bequemer Reflex. Die Maschine hat getan, was dastand, nicht was gemeint war.

Aber – und das ist die Hälfte, die gern unterschlagen wird – die Sache läuft in beide Richtungen. Auch die KI hat Lücken, und ihre Lücken muss ich füllen. Sie kennt meinen Kunden nicht. Sie weiß nicht, was im Telefonat zwischen den Zeilen gesagt wurde. Sie hat keinen Geschmack, nur Wahrscheinlichkeiten. Sie trägt keine Verantwortung, unterschreibt nichts, haftet für nichts. Und wo ihr Wissen endet, hört sie nicht auf zu reden – sie halluziniert, mit derselben Souveränität, mit der sie Richtiges sagt. Eine Lücke mit Selbstbewusstsein. Wer die Lücken seiner Maschine nicht kennt, merkt nicht, wann er gerade Mist übernimmt, und unterschreibt ihn am Ende mit dem eigenen Namen.

Prompten ist Führung.

Und Führung war nie die Kunst, alles selbst zu können. Wer führen kann, muss wissen, wo die eigenen Lücken sind und wer sie füllt – und wo die Lücken der anderen sind und was er selbst danebenstellen muss. Ich kompensiere die Inkompetenz der Maschine, sie kompensiert meine. Marquard hätte für diese Arbeitsteilung vermutlich ein noch längeres Wort gefunden.